Erleben Sie schon oder kaufen Sie noch? Die Zukunft des Handels

Immer mehr Geschäfte in Innenstädten und Einkaufszentren schließen, das Aussterben des Einzelhandels wird von vielen proklamiert. Doch Retail ist nicht tot – wir konsumieren heute mehr als je zuvor. Der Unterschied ist, dass der Einkauf heutzutage auf verschiedensten Kanälen stattfindet. Der Laden vor Ort ist schon lange nicht mehr die erste Wahl beim Einkaufen. Beispielsweise nahm Alibaba an einem einzigen Tag, dem Single Day am 11. November, etwa 20 Milliarden Euro ein – dies entspricht ungefähr dem Jahresumsatz von H&M. Der Handel muss aus diesem Grund umdenken und sich neu aufstellen. Wir haben mit Christoph Scharf und Denizer Ibrahim über die Zukunft des Handels und internationale Vorbilder gesprochen.

Der Einzelhandel hat den Kunden aus den Augen verloren

Noch vor einigen Jahren waren Einkaufsstraßen und -zentren ein wichtiger Teil des Lebens vieler Menschen. Hier hat man sich getroffen, Neuigkeiten ausgetauscht oder einfach nur Zeit verbracht. Es war eine Art Offline-Facebook, aber das ist es heute nicht mehr. Etwas online zu bestellen – auch auf die Gefahr hin, dass es nicht passt – ist oft einfacher, als physisch in einen Laden zu gehen. Der steigende Autoverkehr, die verspäteten öffentlichen Verkehrsmittel und fehlende Produkte vor Ort lassen den Online-Einkauf attraktiver und angenehmer erscheinen.

Es sieht so aus, als hätte der traditionelle Einzelhandel sein Gespür dafür verloren, was Kunden sich wirklich wünschen. Es sind die Onlineriesen wie Amazon, welche die Kundenbedürfnisse mit einem Konzept wie Amazon Go erfüllen oder sogar übertreffen. Aber was genau wünschen sich Kunden? Und was muss der Einzelhandel bieten, um wieder erste Wahl zu sein?

Die Zukunft des Handels bietet Erlebnisse

Wer kürzlich in Mailand war und die Apple Piazza Liberty gesehen hat, bekommt ein Gefühl dafür, wo die Zukunft des Handels hingehen wird. Hier werden die Grenzen des konventionellen Shops überschritten: Ein offener Platz mit integriertem Freilufttheater und ausgefallenem Glasbrunnen – so gestaltet sich der Eingang zum unterirdischen Apple Store. Der Einkauf an sich gerät in den Hintergrund und passiert nebenbei. Was hier zählt, ist das Erlebnis!

Die Zukunft des Handels bietet Gemeinschaft

In Zeiten von Mikroapartments und immer mehr Singlehaushalten rücken öffentliche Flächen stärker in den Fokus. Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen das Miteinander, einen Ort, an dem wir uns treffen und austauschen können – die reale Community gewinnt im digitalen Zeitalter umso mehr an Bedeutung.

Shoppingcenter sollen einen Lifestyle ermöglichen

Diese beiden Trends sollten jeder Shop und jedes Einkaufszentrum beachten, um zukunftsfähig zu bleiben. Sie müssen zu einem Raum werden, in dem nicht der Einkauf, sondern die Öffentlichkeit im Mittelpunkt steht.

Aber wie genau schaffen es Retailer, diese beiden Trends erfolgreich umzusetzen und einen Lifestyle zu ermöglichen oder gar zu etablieren?

Mit 4 Methoden wird Ihr Laden zum Place-to-be

1. Einzigartigkeit

Moderne Geschäfte und Einkaufszentren sind einzigartig und versuchen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Sie schaffen einen Raum, der unabhängig vom Einkaufen ein Erlebnis schafft, sodass Einwohner und Touristen gerne verweilen. Die COEX Mall in Seoul hat eine faszinierende und 2.800 Quadratmeter große Bibliothek in das Einkaufszentrum integriert. Boxpark in London ist hingegen die erste Pop-up-Mall, welche die Konzepte des modernen Street Foods vereint und lokale und globale Marken nebeneinanderstellt, um eine einzigartige Einkaufs- und Essdestination zu schaffen.

Die COEX Mall in Seoul

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2. Flexibilität

Gerade Shoppingcenter müssen über eine Vielzahl von Raumtypen verfügen und flexibel sein, damit sich die Räume je nach Bedarf vergrößern oder verkleinern lassen. Doch nicht nur die Räume müssen flexibel sein, sondern auch die Denkweise der Retailer. Leere Räume bedeuten heutzutage nicht mehr, dass verzweifelt nach dem nächsten „großen Ding“ gesucht werden muss. Stattdessen können Pop-up-Stores und temporäre Einzelhandelsangebote das Einkaufserlebnis noch verstärken.

Zukunft des Handels
Das Shoppingcenter Bikini Berlin mit seinen Pop-up-Boxen | Bildnachweis: Bikini Berlin

Das Bikini Berlin beispielsweise hat bereits die modularen Pop-up-Boxen in ihr Shopping-Mall-Konzept integriert. Die Boxen können temporär angemietet werden, sodass bekannte Marken ein neues Produkt, oder junge Designer erstmals ihre Kreationen der Öffentlichkeit präsentieren können.

3. Kreativität

Seien Sie kreativ, und schauen Sie über den Tellerrand hinaus: Welche Vorteile können Sie außerhalb des Einkaufens bieten? Welche Bedürfnisse haben die Einwohner an Ihrem Standort? Eines der größten Probleme ist sicherlich der Wohnraummangel. Das hat auch das amerikanische Unternehmen Starwood erkannt und B- und C-Malls aufgekauft, um auf den weitläufigen Parkhäusern Wohnhochhäuser zu errichten und diese mit Grünflächen und Bibliotheken zu versehen.

Sonos in Berlin legt eine andere Art der Kreativität an den Tag: Auf 185 Quadratmetern können Besucher ganz in die Welt des Klangs eintauchen, ob im Listening Room oder in einem Konzert:

„Wir entwerfen einen Store nicht nur, um Speaker zu verkaufen. Natürlich spielt auch das eine Rolle, unser Ziel ist es aber, Raum für Events und Austausch untereinander zu schaffen und Menschen zusammenzubringen. Wer den Store besucht, soll Inspiration finden und erleben, was es bedeutet, wirklich hinzuhören”

erklärt Sonos Art Director Julia Jeanguenat.
Sonos Berlin
Der Sonos Store in Berlin | Bildnachweis: Sonos

4. Aufenthaltsflächen

Die gleichen Eigenschaften, die einen guten öffentlichen Park ausmachen, können auch auf ein gutes Einkaufszentrum zutreffen: Ein Gefühl der Ruhe, bewegliche Tische und Stühle und natürlich Natur, an die man sich tatsächlich herantasten kann – etwa ein Baum, auf den man sich setzen und anlehnen kann, oder ein Jasminbusch, bei dem man anhalten muss, um den Duft einzuatmen.

Burwood Brickworks – das nachaltigste Shoppingcenter der Welt

Noch in diesem Jahr soll in Melbourne, Australien das weltweit nachhaltigste Shoppingcenter eröffnen. Die 12.700 Quadratmeter große Mall soll in üppigem Laub gehüllt und von 2,5 Hektar Parklandschaft umgeben sein.

Laut Bauherr Frasers Property Australia wird das „biophile Design“ des Gebäudes „eine Fülle von Grün, natürlichem Tageslicht und frischer Luft im gesamten Zentrum über ein Dach im Sägezahnstil ermöglichen, um den Wunsch der Besucher nach einer Verbindung zur Natur zu erfüllen und eine Umgebung zu schaffen, die zu längeren Verweilzeiten und zum Wiederkehren anregt“.

Diese vier Methoden können helfen, dass der stationäre Einzelhandel wieder in die erste Liga des Einkaufens aufsteigt!

Christoph Scharf und Denizer Ibrahim