Der Weg der DGNB zu klimapositiven Gebäuden

Im September 2016 startete bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) die Arbeit an einem Rahmenwerk, welches dazu beizutragen soll, bis 2050 einen gesamtheitlich klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen. Nachdem 2018 die Vorschau-Version veröffentlicht wurde, sollen in diesem Jahr die ersten Projekte beginnen. Wir haben mit Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung bei der DGNB, über das Rahmenwerk und den Klimaschutzfahrplan gesprochen.

Immer mehr Menschen sprechen vom klimaneutralen Bauen. Gleichzeitig gibt es nach wie vor noch keine Verbindlichkeit im Umgang mit dem Thema. Frau Dr. Braune, warum ist das so?

Anna Braune

Die Relevanz des Themas liegt auf der Hand, spätestens seit dem Pariser Klimaschutzabkommen. Seither gibt es zahlreiche Bemühungen aus verschiedenen Richtungen, im Immobilienbereich an das Thema heranzugehen, ohne dass sich bislang eine wirklich überzeugende und vor allem verbindliche Herangehensweise etabliert hat. Die DGNB hat hier im vergangenen Jahr mit dem „Rahmenwerk für klimaneutrale Gebäude und Standorte“ einen aktiven Schritt nach vorne gewagt.

In diesem sind Richtlinien unter anderem zur Bilanzierung und zum Reporting sowie zur Erstellung eines gebäudeindividuellen Klimaschutzfahrplans als Instrument zur kontinuierlichen Optimierung enthalten. Ziel ist, die geeigneten Maßnahmen für Bestandsbauten zu identifizieren, um auf eine ausgeglichene CO2-Bilanz, also zur Klimaneutralität, bis spätestens 2050 zu kommen. Wir versprechen uns, mit dem Rahmenwerk zu mehr Verbindlichkeit in der Thematik beitragen zu können.

Was genau heißt klimaneutral überhaupt bei Gebäuden?

Es geht darum, für ein Gebäude eine individuelle CO2-Bilanz zu erfassen. Gemeint ist damit der Treibhausgasausstoß, der durch den gesamten Energieverbrauch eines Gebäudes entsteht, abzüglich der Effekte von selbst produzierter Energie. Ganz plakativ ist es eine einfache Rechnung: Ist der Emissionswert der importierten Energie kleiner oder gleich dem Wert der exportierten Energie, so ist ein Gebäude klimapositiv beziehungsweise klimaneutral. Dabei reicht es nach Meinung der DGNB nicht aus, etwas Schwammiges wie „nahezu klimaneutral“ mit erlaubten Restemissionen als Zielwert zu formulieren, wie es politisch aktuell passiert, oder ein bestimmtes Emissionsniveau als „2°C-fähig“ zu bezeichnen, da hierfür die wissenschaftliche Grundlage fehlt. Den Gebäudesektor als aktives Element der Energiewende zu verstehen, heißt eine Transformation vom Energiefresser zum produzierenden und ausgleichenden Element zu vollziehen. „Nahezu klimaneutral“ ist bei weitem nicht ambitioniert genug, um einen relevanten, positiven Einfluss beim Klimaschutz zu leisten.

Nahezu klimaneutral ist bei weitem nicht ambitioniert genug, um einen relevanten, positiven Einfluss beim Klimaschutz zu leisten.

Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung bei der DGNB

Was sind wichtige Voraussetzungen, um den Weg in die Klimaneutralität zu schaffen?

Um klimaneutral oder klimapositiv zu werden, ist es unabdingbar, dass am Haus oder auf dem Grundstück selbst auch Energie produziert wird – zur Deckung des eigenen Bedarfs und bestenfalls auch mehr, um sie in die Energienetze einzuspeisen. Passiert dies mit einer geringeren CO2-Intensität als das Netz, haben Immobilien das Potenzial, als CO2-Senke zu wirken und damit einen wichtigen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Einen positiven Effekt mit Blick auf eine gute CO2-Bilanz liefert auch der Bezug von Ökostrom oder Biogas, denn dies sind Energieträger mit einer sehr geringen CO2-Intensität. Verantwortung für Energieproduktion braucht es für eine Netto-Null jedoch immer, ob auf dem Grundstück oder woanders.

Klimaschutzfahrplan der DGNB

Wie kann es bei Bestandsgebäuden gelingen, klimaneutral oder -positiv zu werden?

Den Weg hin zum klimapositiven Gebäude soll der bereits erwähnte Klimaschutzfahrplan aufzeigen. Über diese Methode wird Gebäudeeigentümern und Betreibern geholfen, den Weg zur Null oder darüber hinaus zu planen und umzusetzen. Wichtig ist, dass jedes Gebäude individuell betrachtet werden muss. Es gibt keinen Masterplan, denn jedes Gebäude hat heute einen eigenen Startwert und seinen Kontext. Auf dieser Grundlage projektspezifisch zu bestimmen, welche Maßnahme wann wie sinnvoll sind, ist entscheidend, um auch in der Breite eine hohe Akzeptanz für das Thema zu schaffen. Unser Ziel ist hierbei auch, für einen möglichst frühen Zielzeitpunkt, also deutlich vor 2050, einzutreten. Auch die Verknüpfung mit der Finanzwirtschaft, die derzeit auf der Suche nach verbindlichen Maßgaben zur Unterstützung von grünen Lösungen ist, ist an dieser Stelle ein wichtiger Hebel und bestätigt unsere Aktivitäten.

Die DGNB ist mit rund 1.200 Mitgliedsorganisationen Europas größtes Netzwerk für nachhaltiges Bauen. Ziel des Vereins ist es, Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienwirtschaft zu fördern und im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu verankern. Mit dem DGNB Zertifizierungssystem hat die unabhängige Non-Profit-Organisation ein Planungs- und Optimierungstool zur Bewertung nachhaltiger Gebäude, Innenräume und Quartiere entwickelt, das dabei hilft, die reale Nachhaltigkeit in Bauprojekten zu erhöhen. Über die Fort- und Weiterbildungsplattform DGNB Akademie wurden bereits mehr als 3.500 Personen in 40 Ländern zu Experten für nachhaltiges Bauen qualifiziert.

Autorin: Marina Vogt